Wie gewonnen, so zerronnen. So fühlt sich mein Zeitmanagement dieser Tage an. Wie ist es möglich, dass ich so wenig mache wie seit Ewigkeiten nicht mehr, mir die Zeit aber trotzdem durch die Finger rinnt wie Sand und die Tage so unglaublich schnell vergehen? Gerade noch in der Jogginghose am Frühstückstisch gesessen und dann schon wieder in der Jogginghose vor dem Dinner. Kinder, wie die Zeit vergeht! Innerlich bin ich jetzt allmählich ziemlich gestresst: nur noch Quarantäne bis zum 13. April (wer’s glaubt) und noch so viel zu erledigen. Und so richtig gechillt hab ich eigentlich auch noch nicht. Grobe Chillung nenne ich das im Alltag, also in meinem normalen. Mit Popcorn, Couch, Trash TV und den ganzen lieben Tag lang einfach überhaupt nix machen. Das Hauptmerkmal der groben Chillung ist übrigens das gleich darauf folgende schlechte Gewissen, wenn man rein gar nichts gemacht hat, was unter anderen Menschen zu sozialer Anerkennung führt und der anschließende Nervenkitzel vor dem Wiedereinstieg in das echte Leben, alias Montag. Das macht aber alles irgendwie gar nicht mal so viel Spaß, wenn man es jederzeit haben kann. Da muss man sich jetzt richtig dazu zwingen, ja regelrecht aufraffen zur Chillung: aber auch dieser Herausforderung werde ich mich stellen. Hab schon Schlimmeres geschafft die letzten Wochen.

Die Woche beginnt am Montag ziemlich ruhig und mein Aktionismus von letzter Woche ist auch schon wieder ins Nirvana verpufft. Während mein Energieschub vor ein paar Tagen zu einem regelrechten Reinigungswahn geführt hat, starre ich jetzt immer noch die verschmierten Fenster an, die ich eigentlich putzen wollte, den Tisch könnte man auch wieder mal abwischen und die Wäsche türmt sich. Aber alles mit der Ruhe: ich hab’ ja noch bis zum 13. April Zeit. Bis ich nicht bei der letzten frischen Unterhose angekommen bin, gibt es keinen Grund zum Wäsche waschen, behaupte ich mal. Haustiere haben wir jetzt übrigens auch: die besonders niedliche Gattung der grauen Staubmäuse. Sind auch sehr pflegeleicht, wenn man sie in Ruhe lässt.

Der Dienstag ist nicht leicht für mich, denn heute hat meine Mama Geburtstag. Obwohl mir einige Überraschungen trotz der Distanz für sie gelingen, ist dann als Party nicht mehr als eine virtuelle Videokonferenz mit den Eltern drin, in der wir gemeinsam anstoßen und zumindest versuchen, den Schein einer normalen Familienfeier zu bewahren. Ich hab’ mir das mit den virtuellen Dates aber irgendwie unkomplizierter vorgestellt und dachte, man kann mich einfach mit dem Laptop ans Tischende meiner Eltern stellen und wir essen alle in trauter Gemeinsamkeit zu Abend, wie sonst auch. „Kannst du mir mal das Salz reichen?“ „Kein Problem, bin in 3 Stunden da.“
Aber nix da: denn in das Hochformat der Handykamera passt nur eine Person, so sehe ich also abwechselnd die Schulter meiner Mama und den Bauch von meinem Papa. Alle reden durcheinander und mein Bruder hält, übermotiviert wie er ist, seinen Daumen in die Kamera, als Erkennungszeichen, dass er auch da ist. Ich glaube, wir sind nicht so die virtuelle Familie, aber der Wille zählt und auch wenn es nur ein kleines bisschen Familienleben durch eine Handyscheibe war: gut getan hat’s uns trotzdem.

Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft, mich in kompletter (naja) Isolation irgendwo anzustecken oder zumindest zu verkühlen und bin am Mittwoch mit brummendem Schädel und laufender Nase aufgewacht. Überhaupt fühle ich mich die letzten Tage energielos und wie vom LKW überrollt. Aber STOP: was ist, wenn es… ja, was ist, wenn es CORONA ist? Kann ich mich testen lassen? Jetzt sofort und auf der Stelle? War es doch der GLS Lieferant? Was soll ich am Telefon sagen? Bitte helfen Sie mir, ich bin müde? Wie sollten meine nächsten Schritte aussehen?
Also ziehe ich die einzig logische Konsequenz und konsultiere den Arzt meines Vertrauens, der mir schon in vielen, potentiell lebensbedrohlichen, Situationen und Gesundheitszuständen zur Seite gestanden ist. Zum Beispiel als wir auf Hochzeitsreise in Afrika waren, ich einen komisch aussehenden Insektenstich erlitt und überzeugt davon war, jetzt bald sterben zu müssen – auch da hat er mir viele Informationen zu potentiellen Krankheitsverläufen gegeben, schnell, unkompliziert und zuverlässig, meinen Verdacht sehr bekräftigt und mir dadurch ein kompetentes Gefühl gegeben. Na gut, in dem Fall hat er sich vielleicht getäuscht, denn der Stich ist ohne besondere Vorkommnisse einfach wieder abgeheilt, ich bin ganz offensichtlich noch am Leben, aber normalerweise hat Dr. Google immer Recht.
Nach einer schnellen Konsultation bin ich jetzt also sicher: ich habe es. Zumindest irgendwas. Denn meine Symptome passen von einer Erkältung bis über einen Nervenzusammenbruch auf jede Krankheit der Welt. Kann Corona sein, muss aber nicht, deswegen werde ich meinen Zustand die nächsten Tage minutiös genau beobachten, dokumentieren und bei aufkommendem Zweifel nochmal meinen Doktor konsultieren.

Am Donnerstag denken wir das erste Mal darüber nach, wieder mal einkaufen zu gehen. Denn der letzte Einkauf ist tatsächlich schon ganze zwei Wochen her – ja, auch wir waren an dem berühmt berüchtigten Freitag dabei, als Massen von Menschen die Supermärkte gestürmt haben, weil jeder aus irgendeiner super hohen Führungsebene vom Militär, von der ehemaligen Volksschullehrerin, die einen direkten Draht ins Ministerium hat, von einem sehr guten Bekannten von Kanzler Kurz, von der UNO, von der WHO, von der Wachstube Ottakring oder vom Nachbar von gegenüber ganz genau gehört hat und jetzt weiß: die Ausgangssperre kommt. Und: sie kommt am Montag. Gekommen ist nix, die Supermärkte haben weiterhin offen, aber immerhin können wir sagen: Hamsterkauffreitag 2020, wir waren dabei! Eine Erkenntnis, die wir dadurch aber in diesen zwei Wochen gewonnen haben, in denen wir versucht haben, den zum bersten gefüllten Kühlschrank schrittweise wieder zu entleeren: man kann eigentlich einfach irrsinnig viel kochen, wenn man ein bissl kreativ wird und schaut, was man aus dem, was man sowieso daheim hat, machen könnte. Man muss nicht wegen einer einzelnen Avocado zum Billa rennen oder weil die Leinsamen ausgegangen sind. Man kann einfach – breaking news – alles mögliche zusammenmixen, ein bisschen flexibel sein und schauen, was draus wird. Und nur weil die Lieblingsinstagrammerin immer Overnight Oats oder Avocadobrot mit Ei macht (guilty as charged!), kann ich euch beruhigen: es wird die Welt nicht untergehen, wenn auf eurem Sonntagstisch mal nur Toast mit Butter oder Cornflakes mit Milch stehen.

Freitag ist ein großer Tag für den Mann, denn er hat Ausgang. Wie es schon vor Jahrtausenden der Fall war, ist er nämlich, vor allem in dieser Hochrisikosituation, für das Jagen und Sammeln und somit den Erhalt unserer kleinen Quarantäne-WG zuständig: der Einkauf im Supermarkt steht an. Gemeinsam erstellen wir eine Einkaufsliste, die wir ganz aufgeregt immer wieder, Mantra-artig wiederholen. Misolachs. Kohlsprossen. Spargel. Eier. Zitronen. Avocado!! Außerdem erarbeite ich mit ihm diverse Szenarien, wie er sich jetzt in der Öffentlichkeit verhalten muss, welche Hygienerichtlinien er einhalten soll, vor allem nach Betreten der Wohnung, und schärfe ihm immer wieder, Helicopter-Mom-mässig, ein: nicht ins Gesicht greifen! Was draußen tatsächlich passiert ist, werde ich wohl nie erfahren, aber das Ergebnis des Einkaufs hat zu einem Adrenalinhigh bei ihm und zu einem zwei Tage andauernden Foodcoma bei mir geführt.

Am Samstag ist es endlich so weit und die grobe Chillung steht an, auf die ich mich schon die ganze Woche freue. Das werde ich mir heute wirklich von nichts und niemandem nehmen lassen. Es ist schönes Wetter, ich lese ein Buch, und das ist alles was zählt. Aber nein: nach 25 Minuten in der Sonne sitzt mir schon wieder das Teufelchen auf der Schulter, das versucht, mir meine Chillung mies zu machen. Bitte, ich hab heute schon Haare gewaschen und Yoga gemacht, was will der Typ von mir. Darum bringe ich ihn mit einem Glas Rotwein ganz schnell zum Schweigen und er kommt den Rest des Tages zum Glück nicht wieder. Auch sonst keine Gedanken, weil mir der Rotwein in der Sonne so in die Birne fährt, macht aber nix, weil Gedanken sind eh kein typischer Bestandteil der groben Chillung.

Heute Nacht war Zeitumstellung, als ob die nicht sowieso vor zwei Wochen stehen geblieben wär und ihre Bedeutung total verloren hätte. Was bitte macht es für einen Unterschied, ob mein Wecker um 07 Uhr oder um 08 Uhr nicht läutet? Ob ich um 22 Uhr, wie früher, oder um 21 Uhr, wie jetzt, ins Bett gehe? Ich beschließe, zukünftig gegen diese sozial auferlegte Konvention namens Zeit zu rebellieren! Und überhaupt, wer braucht das alles schon – Putzen, Arbeiten, Geld verdienen, auf die Uhr schauen, Wäsche waschen, wenn es denn auch ohne geht. Mit diesen rebellischen Gedanken stehe ich auf, um mich anzuziehen für einen weiteren, aufregenden Tag in Quarantäne und fühle mich 35 Sekunden lang als echter Revoluzzer, bis ich zur Unterwäschelade gekommen bin.

Es ist Sonntag, und ich stehe vor meiner letzten Unterhose. Ich habe das Gefühl, das Leben hat mich bald wieder.


corona diaries:
week two

corona diaries:
week one

COMMENTS


  • Vicky

    So schlimm dieser Corona ist, pls stay a little longer! Mehr Corona Diaries braucht die Welt ♥️

    love you & your words!!!

  • Debbie

    Unglaublich schön zu lesen – bitte unbedingt weiter schreiben 🙂

  • Sina

    Danke, dass du mir wieder den Sonntag versüßt 😃🙏🏽

  • Natalie

    Ich lieb deine Corona-Diaries! Werden zum neuen Ritual meiner Sonntags (man nehme irgendeinen Wochentag) Chillung: nach dem zwei Stunden Frühstück nochmal ins Bett und die Corona-Diaries lesen, dabei schmunzeln und merken, dass im Moment alle gleich bekloppt sind. Love it! ❤️

  • Rosaria

    Und ich so: Die Zeit wurde umgestellt?! 🙈 Ich finde mich wieder 😂

  • Sophie

    bitte bitte mehr von den diaries, made my day 🙏🏻❤️

  • Michaela

    Danke, du hast mich so richtig zum Lachen gebracht!! Vorallem weil man sich selber so wieder findet! Danke dafür und einen schönen Sonntag!

  • Veronika

    Du triffst es einfach zu gut 😂😂 mach weiter so!

  • Katharina

    Ich kann Vicky nur zustimmen. Absolut genial, bitte schreib ein Buch. 😍

  • Gaby

    Mega🤗 viel gelacht, schreib bitte weiter

  • Birgit

    Es tut so gut zu lesen, dass es allen gleich geht 😉 ich freu mich jetzt schon auf Woche 3.
    alles liebe 💕

  • Sonja

    Genial! Bitte mehr davon <3

  • Gabi

    Herrlich!
    Schön zu sehen, dass es vielen so geht. Weiter so!

  • Bianca

    So herrlich! Highlight des Tages 🙂 sitze hier mit Bananabread (weil das ja jetzt eh jeder backen muss) und schmunzle so vor mich hin. Einfach toll geschrieben, danke dir dafür!

  • Stefanie

    Fantastisch, danke!

  • Jeanette

    Großartig! Liest sich mindestens so schön wie Garance Doré! Und ich denk’ mir auch die ganze Zeit: Wann fängt es nur an, das entschleunigte Quarantäne-Leben? Bis jetzt hetze ich gefühlt zwischen Corona-komprimierten Text-Deadlines, der fast zeitgleichen Teilnahme & Planung von Zoom-Yogasessions sowie einem Minimum an Körperpflege hin und her… 😉

  • Michaela

    Corona Diaries – großartig. Danke dir dafür! 🙂

  • Conny

    Sehr witzig geschrieben, das hat mir jetzt gerade das Frühstück versüßt, da ich oft total lachen musste.
    Bitte mehr davon! 🙂

  • Kerstin

    sooo witzig und wahr! bitte schreib weiter, hab deine Posts echt vermisst.

  • Eva

    Soooo gut, Kathi! Mir haben deine Blogeinträge so gefehlt!! talents are meant to be shared <3

  • Maria

    Bestes Corona Diary ever. Thanks!

  • Daniela

    Du sprichst mir aus der Seele – genauso fühlt es sich an. Und es fühlt sich so an als würden wir bereits seit mehreren Wochen so Leben

  • Christin

    Sensationell liebe Kathi… ich fühl soooo mit. Danke für die wahren und erheiternden Worte. <3

  • Carolin Hanisch

    Es ist eine große Freude Deine Posts zu lesen!

  • Dila

    Soo wirklich wahr! Danke fürs Post! Check out my blog: between-two-cities.com

  • Lka

    Ich wünschte du würdest öfter schreiben! 🙂

POST A COMMENT


Your email address will not be published. Required fields are marked *